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Interview

Die Kinodichter beim Kurzfilmfestival Köln

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dsc03367-1200x7971Die Blogger Kinodichter waren in diesem Jahr erneut zu Gast beim KFFK / Kurzfilmfestival Köln und haben sich einen eigenen Einblick in das Festival und in das Filmprogramm verschafft.

Wenn sich ein gespanntes Getümmel im Foyer des Filmforums ausbreitet und freiwillige Helfer*innen zu den Türen des Kinosaals stürmen, weil eine Gruppe junger Leute vollbepackt mit Technik frühzeitig hineinströmt, dann wissen wir: Die Kinodichter sind wieder am Start!

Bereits im zweiten Jahr in Folge begleitete die junge Truppe von Blogger*innen uns im Rahmen ihres Seminars an der Universität zu Köln durch das Festival und schenkte unseren Filmemacher*innen eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie sprachen mit ausgewählten Regisseur*innen und veröffentlichten die Videos online – einsehbar in YouTube, auf www.kinodichter.de und in Facebook.

Wie es dazu kam? Die Seminarleiterin ist unsere Kollegin Jennifer Jones, langjähriges Mitglied der Sichtungskommission des Deutschen Wettbewerbs beim KFFK. Wer könnte das Festival also besser kennen?

Es war uns eine Freude!

Hier gibt’s alle Interviews:

Die Filmemacher Iring Freytag, Viktor Stickel und Linus Stetter erzählen in ihrem Animationsfilm Child die Geschichte eines Kindes, das seine Hütte verlassen muss, um nach Holz für das erloschene Feuer zu suchen. Die Suche nach dem geeigneten Holz wird zu einer Lebensaufgabe. Johanna Bernhard von kinodichter.de sprach gemeinsam mit Iring Freytag über die Entstehung der Idee bis hin zur schlussendlichen Verwirklichung seines langjährigen Projekts. Child war im dritten Wettbewerbsprogramm des diesjährigen Deutschen Wettbewerbs zu sehen:

Ebenso im dritten Wettbewerbsprogramm AUS DEM NICHTS zu sehen war der Spielfilm A Quiet Place des Filmemachers Ronny Dörfler. Die Protagonistin Cristina wird bei ihrer Heimkehr Zeugin, wie ihre kleine Schwester Marina unter der harten Hand des Vaters leidet. Statt tatenlos zuzusehen, fordert Cristina ihren scheinbar übermächtigen Vater heraus. Gianna Niemeyer von kinodichter.de sprach mit Ronny über seinen Kurzfilm, Zwangsprostitution, sowie den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema. Außerdem gibt der Filmemacher einen Ausblick auf sein aktuelles Projekt:

Für seinen Spielfilm At the End of the World gewann Filmemacher Dieu Hao Do in diesem Jahr den Publikumspreis im Deutschen Wettbewerb. Er erzählt, verortet in Hong Kong, von einer Liebesgeschichte auf Zeit zwischen der  koreanischen Anthropologiestudentin Lucianne und dem deutschen Straßenjungen Oswald. Die Kinodichter haben vorab mit dem Filmemacher gesprochen:

Ebenso hochspannend ist das Interview mit dem deutsch-französischen Künstlerinnenkollektiv Neozoon, das auch in diesem Jahr mit seiner aktuellen Videoarbeit in unserem Programm vertreten waren. Shake Shake Shake ist eine Aneinanderreihung von Bildern im Graphic Interchange Format (Gif), auf denen sich Trophäenjäger nach erfolgreicher Jagd gegenseitig beglückwünschen.  Aus einem subtilen Moment wird ein beunruhigendes Ritual, das die Verortung der Akteure in der afrikanischen Landschaft auf eindringliche Weise hinterfragt. Die Kinodichter-Autor*innen Johanna Bernhard, Lisa Brinkmann und Vincent Kannengießer sprachen mit den Künstlerinnen:

Wie kam es zur Gründung des Kollektivs und warum der Name Neozoon?

Als Neozoon wird ein Tier bezeichnet, welches sich mithilfe menschlicher Einflussnahme irgendwo neu ansiedelt. Ausgangspunkt für die Gründung unsere Gruppe war immer das Interesse am Mensch-Tier-Verhältnis. 2009 haben wir ein Projekt gestartet, in dem Tiere aus alten Pelzmänteln den öffentlichen Raum erobert haben. Aber der Name darf auch sinnbildlich gelesen werden, letztlich geht es darum, den Diskurs über das Mensch-Tier-Verhältnis anzuregen.

Sie sind mit Installationen im öffentlichen Raum bekannt geworden. Seit 2011 sind Sie auch mit Kurzfilmen im Internet unterwegs – auch ein öffentlicher Raum. Warum nutzen Sie vermehrt dieses Medium?

Das Internet war für viele unserer Projekte hilfreich: sei es als Verbreitungsmedium oder später auch als Werkstofflieferant. Mit Found Footage zu arbeiten bedeutet immer, mit Materialien umzugehen, die bereits eine Geschichte haben und durch ihre Vergangenheit aufgeladen sind. Ob wir nun im öffentlichen Raum arbeiten oder einen Film machen, entscheidet sich also vor allem auch durch das vorhandene Material.

Sie können die Kunst mit einem Klick veröffentlichen und müssen sie nicht mehr nachts im Geheimen verbreiten. Erscheint Ihnen Ihre Arbeit dadurch anders?

Das ist natürlich allein vom physischen Einsatz ein völlig anderer Vorgang – meist auch mit deutlich weniger Adrenalinkick. Der Entwicklungsprozess einer filmischen Arbeit ist oft auch deutlich länger und man kann entsprechend präziser arbeiten.

Was für eine Rolle spielen Reichweite und Anonymität im Internet für Ihre Kunst?

Zu Beginn unserer Tätigkeit hat das eine große Rolle gespielt, da es ja nicht legal ist, den öffentlichen Raum ungefragt zu bespielen. Darüber hinaus konnte man auch lange nach einer Aktion im öffentlichen Raum noch Abbildungen davon im Netz finden – das hat natürlich auch eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung gespielt. Den geschützten Kunstraum zu verlassen bedeutet für uns aber vor allem, dass man mehr als nur ein ausgesuchtes Kunstpublikum erreicht.

Im Kurzfilm Shake, Shake, Shake werden animierte Fotos von Trophäen – Jägern gezeigt, die Hände schütteln. Was bedeutet diese Geste für Sie?

Es handelt sich um ein Ritual unter Jägern, welches weltweit angewendet wird. Man beglückwünscht sich gegenseitig zum erlegten Tier. Vor dem Hintergrund eines zunehmenden Bewusstseins für die Bedrohung vieler Tierarten hat das natürlich bei der Großwildjagd eine ganz besondere Brisanz. Durch den Fokus auf eine scheinbar simple Geste in einem ansonsten unbewegten Setting wird das Ritual in seiner Absurdität hervorgehoben und öffnet den Raum für einen Perspektivwechsel.

Das Thema der Jagd haben Sie bereits in mehreren Kurzfilmen verarbeitet. Haben Sie einen besonderen Bezug zum Jagen?

Wir unterteilen Tiere im Allgemeinen ja in drei Gruppen: Haustiere, Wildtiere und Nutztiere. Die Jagd scheint uns dabei eine der ambivalentesten Mensch-Tier-Beziehungen zu sein, weil es einerseits noch so etwas wie eine kollektive, genuine Verehrung von wilden Tieren gibt und gleichzeitig diese Lust am Töten existiert. Diese eigenartige Widersprüchlichkeit interessiert uns sehr und wir könnten noch etliche Filme darüber machen…

Warum bezeichnen Sie sich selber nicht als Tierschutzaktivistinnen? Ist es Ihnen wichtig, hauptsächlich als Künstlerinnen gesehen zu werden?

Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus – aber was man allgemein als Tierschutz bezeichnet, bewegt sich im Rahmen menschengemachter Gesetze und richtet sich deshalb auch immer nur nach den Bedürfnissen des Menschen. Die Massentierhaltung ist deshalb z.B. per Gesetz geschützt. Sich diesem Thema künstlerisch zu nähern ist eine große Herausforderung. Es eröffnet einerseits völlig neue Spielräume und gleichzeitig muss man darauf achten, nicht eindimensional zu werden. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Kunst ambivalent bleiben muss. Es geht uns also nicht um Konsensfindung, sondern zunächst einmal darum neue Denkräume zu schaffen.

Sie verwenden für Ihre Filme Found Footage, das sie zusammenstellen. Ist das eine Form von Recycling oder warum greifen Sie auf dieses Material zurück?

Found Footage zu nutzen, ist natürlich auch eine Art von Reycling, ganz ähnlich also wie bei unseren Tieren aus alten Pelzmänteln. Warum etwas neu produzieren, wenn es bereits massenhaft vorhanden ist? Aber es ist auch eine Herausforderung, auf die im Material vorhandenen Informationen zu reagieren und damit zu arbeiten, ganz anders als wenn man selber dreht. Darüber hinaus reizt uns an Found Footage aber vor allem die Authentizität.

 

 

„Die Neugier und der unbedingte Glaube an die Kunst sind in der Kölner Szene allgegenwärtig“

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Wir haben den Spieß mal umgedreht und mit choices, dem Kultur- und Kinomagazin, über große Momente im Kino, Stärken und Schwächen der Kölner Kulturszene und selbstverständlich über unser Festival gesprochen. Projektleiter Rüdiger Schmidt-Sodingen beantwortete unsere Fragen.

KFFK: Wie groß ist das choices-Team und die Filmredaktion? Und war das Heft eigentlich schon immer kostenlos?
Schmidt-Sodingen: Für choices arbeiten gut 20 Autorinnen und Autoren, die Filmredaktion umfasst 10 KritikerInnen. Das Heft wurde 1989 vom kürzlich verstorbenen Kinomacher Heinz Holzapfel, Peter Debüser, Stadtgarten-Gründer Reiner Michalke und Joachim Berndt gegründet. Und es war schon immer kostenlos! Es sollte ja so etwas wie das Kölner Pendant zur New Yorker Village Voice sein, deren Innenteil ja „choices“ heißt.

Über 45 kurze und lange Filmkritiken in einer Ausgabe – von den ganzen Konzertkritiken und Vorschauen ganz zu schweigen. Wie bekommt ihr das eigentlich gestemmt?
Die Filmstarts werden von Jahr zu Jahr mehr – und damit wird es auch immer schwieriger, wirklich alle Filme zu spiegeln und zu besprechen. Wir geben da aber unser bestes. Und kurz vor Drucktermin wird es natürlich oft hektisch, da einige Filme plötzlich doch noch in Köln starten, Filmanzeigen dazu kommen oder ähnliches.

Ist die Kulturszene Kölns überhaupt so vielfältig, dass sie Monat für Monat über 60 Seiten füllen kann?
Auf jeden Fall! Allein die Kino- und Theaterszene bietet so viele spannende Angebote, dass man täglich zu fünf oder sechs Terminen gehen könnte. Köln war ja schon immer eine offene Stadt. Es gibt also täglich auch viele Angebote junger, neuer Künstler, die sich hier auf kleinen Bühnen ausprobieren oder ihre Filme vorstellen. Diese Neugier auf Neues und Anderes macht Köln zu einer echten Kulturstadt.

Wo hat die Kölner Kulturszene denn Stärken und wo hat sie Schwächen?
Die Neugier und der unbedingte Glaube an die Kunst sind in der Kölner Szene allgegenwärtig. Und wir haben hier eine einzigartige Vielfalt von MacherInnen und BetreiberInnen. Schwächen sehe ich höchstens in der Außendarstellung. Da macht man sich mitunter kleiner, als man ist. Oder man übersieht einiges, was längst da ist. Ich werde beispielsweise nie verstehen, warum gute Ideen und eingeführte Marken nach Jahren einfach über Bord geworfen werden. Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs hatte da viel Symbolisches.

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Rüdiger Schmidt-Sodingen

Bekommt man als FilmkritikerIN nicht nach einigen Jahren ein sehr motorisiertes und abgeklärtes Verhältnis zum Medium Film? Wenn nein: Wie schafft es das Medium, immer und immer wieder aufs Neue zu begeistern?
Ich glaube, es hat viel mit dem Herzen zu tun. Solange man empfindsam bleibt, kann man sich einem Film gar nicht abgeklärt widmen. Selbst die schlimmste Mainstreamklamotte kann einige wunderbare Momente haben. Ich halte es da mit René Clair, der mal gesagt hat: „Fünf herausragende Minuten in einem 90-minütigen Film sind genug, um die Hoffnung aufs echte Kino aufrecht zu erhalten.“

Warum habt ihr damals beschlossen im Rahmen unseres Festivals einen Preis zu vergeben?
Der Kurzfilm lag uns schon immer am Herzen. Von Beginn an hatten wir mit choices eigene Kurzfilmabende und glaubten an die Erneuerung des Mediums Film durch den Nachwuchs, der sich ja in Kurzfilmen ausprobiert und nach neuen Möglichkeiten sucht. Den Nachwuchs zu bestärken, ihm Mut zu machen, ist ganz klar das Schönste, was man tun kann.

Welche Bedeutung hat die Kölner Kurzfilmszene, etwa mit ihren Hochschulproduktionen, für die Kölner Filmszene insgesamt?
Die Kurzfilmszene hatte schon immer eine große Bedeutung für Köln und das Film- und Kinogeschehen. Viele große Regisseurinnen und Regisseure haben hier in Köln gearbeitet oder hier ihre ersten Werke vorgestellt. Und natürlich sind die KHM und die IFS weiter ein unglaublicher Talente-Pool. Sie verstehen es zudem, die Werke ihrer Studenten wirklich bekannt zu machen.

Hast Du, oder habt ihr unser Festival schon mal besucht? Wenn, ja – gibt es eine schöne Anekdote?
Ich bin jedes Jahr beim Festival dabei. Die schönsten Momente sind immer die, wo ein Film dich eiskalt erwischt. Das heißt, das Thema oder eine Szene erzählen so viel vom wirklichen Leben, das man völlig gebannt und begeistert ist. Und da merkt man dann, dass die Kunst der einzig mögliche, humane Kampf für die Wahrheit ist.

KFFK zu Besuch bei Finder TV

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Jedes Jahr taucht er scheinbar wie aus dem nichts auf unserer Preisverleihung auf, gewissenhaft und selbstverständlich schüttelt er Hände auf der Bühne, lächelt, übergibt seinen Preis. Dann ist er wieder verschwunden, bis zum nächsten Jahr. Wir möchten es endlich wissen: Wer ist dieser Thomas Finder eigentlich, der dieses Jahr bereits zum viertem Mal ohne zu murren unseren Publikumspreis im Kölner Fenster stiftet? Wir verabreden uns an einem schwülen Endsommertag in den Geschäftsräumen des Finder TV-Kameraverleihs. „Kameraverleih“ – in unserer Erwartung erstrecken sich Bilder einer Technik-Grotte in der urbanen Unterwelt, stickige Luft, fleckiger grauer Filzboden – und gibt’s da überhaupt Club Mate?

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Thomas Finder. Den Eingang zu der Firma ziert diese Lolli-Sammlung, an der man sich gerne bedienen darf!

Aber nein – Thomas Finder und seine Kollegen wirken alles andere als arm an Sonneneinstrahlung. Die lichten Räume in der Deutzer Arnoldsstraße sind  riesengroß, mit Laminatboden verkleidet, die Küche ist stilsicher. Im Kühlschrank stapeln sich wahrscheinlich die Koffeinhaltligen-Wunderflaschen zu einer Pyramide aus Frohsinn. Vor 1,5 Jahren hat die Firma sich hier niedergelassen. Apropos Küche: Über eine Redaktion verfügt Finder TV auch und arbeitet seit März für das Sat1-Frühstücksfernsehen. Ein Ladendetektiv kommt auf ein Pläuschen vorbei, denn die Sat1-Sendung „Fahndung Deutschland“ wird auch von hier mit Ideen beliefert. Im Keller gibt es ein Postproduktionsstudio, das untervermietet wird und ein Tonstudio, das – zu unserer größten infantilen Freude – je nach gewünschter Atmosphäre das Licht verändert!

Hier scheint alles möglich, und das hat sich Finder wohl auch zum Programm gemacht. 24 Stunden telefonischer Notfall-Service? Kein Problem! Notfalllieferung nach Florida? Machen wir irgendwie! Beim Dreh wird noch Personal benötigt? Finder schickt seine Azubis vorbei! „Man kennt sich, man hilft sich“, sagt er dabei mit kölscher Manier. Und zum Festival: „Wenn jemand beim Publikum ankommt, dann hat sie oder er eine Chance verdient, gefördert zu werden.“ Silvia Borges etwa, die 2013 mit Zu dir? auf dem KFFK (damals noch „UNLIMITED“) den Publikumspreis gewann, arbeitete auch nach der Preisstiftung mit Finder zusammen. Eine dieser Arbeiten, Ein Mann wie ein Baum, ist dieses Jahr unter anderem im Rennen des Heartland Film Festivals im amerikanischen Indiana.  „Ich würde gerne den nächsten Roland Emmerich fördern“, sagt Finder.  Puh, lieber Thomas Finder – wir geben unser bestes!